
Bleibt Sun Ra mir, bleibt Sun Ra uns ein Rätsel?

Joachim Raffel ist Osnabrücker Jazzpianist, Komponist und Percussionist und spätestens seit einem Live-Erlebnis des Sun Ra Arkestras 1983 Fan der Jazzlegende aus Birmingham.
Ich erinnere sein Konzert mit dem Arkestra 1983 beim 10. Balver Jazzfestival, wo ich Zuhörer und Zuschauer war. Ja, höchst wichtig auch: Zuschauer! Denn die Musik des galaktisch geprägten Bandleaders und seines Arkestras setzte konsequent auf eine visuelle, theatral-performative Komponente. Was für eine Inszenierung: in kosmisch-afrofuturistischen Kostümen erschien diese Band im archaisch anmutenden Inneren einer Tropfsteinhöhle im Sauerland! Sun Ra wäre perfekt im Social-Media-Zeitalter aufgehoben, wo es (mindestens) genauso um Bildhaftigkeit geht wie um die Musik an sich. Er, ein Schöpfer seiner selbst als Kunstfigur. Die wiederum ein wichtiger Motor für sein Schaffen und für das Gesamtprofil seines musikalischen Kollektivs gewesen sein muss.
Denke ich bei ´Kunstfigur´ an David Bowie?
Wie spannend ähnlich Bowie sich in der Schöpfung seiner selbst als Kunstfigur(en) – zwar auf anderem musikalischen Terrain als Sun Ra – bewegt hat! Kannten die beiden sich? Der „Space“, welchen Sun Ra zu durchdringen suchte (wir erinnern den Film „Space Is The Place“ von 1974) findet sich zentral auch im Werk Bowies mit seinen galaktischen Aspekten. Verhalf Bowie mit „Space Oddity“ von 1969 gar zum Durchbruch. Kosmisch? „Space“ darf viele Ausdeutungen haben. Selbst für mich bedeutete der Begriff im Corona-Jahr 2020 ein Erobern von Freiheit während der Arbeit an meinem Solo-Album „You“ in totaler künstlerischer Ermitage. Der durch stete Yoga-Praxis geprägte Zyklus „You“ schließt mit dem Titel „Space“.
Zurück zu Sun Ra: dem Raum, dem Ort seiner Herkunft erweist nun der Film „The Magic City – Birmingham According To Sun Ra“ auf ganz eigene erzählerische Weise die Ehre. Zeigt die Entwicklung des Musikers in seinem bildlich ausgiebig dargestellten Umfeld auf, lässt feinfühlig die Wechselwirkungen zwischen der Stadt und ihrem Sohn erahnen. Bleibende Prägungen gegenseitiger Art, Erinnerungen, Anekdoten. Sweet home Alabama …
Text: Joachim Raffel
