
Inmitten der Kulissen von „Gaïa“ mit Gwenola Heck
Wie wird aus Papier, Pappe, Licht und einzelnen Bildern eine lebendige Welt? Der Kurzfilm „Gaïa“ erzählt in vier Minuten von einem besonderen Planeten, der uns nicht unbekannt vorkommen sollte. Eine Landschaft, ein Planet, ein Körper, in dem Menschen leben. Was war der Ausgangspunkt für diese Idee? Wir haben Regisseurin Gwenola Heck gefragt:
Der Ausgangspunkt für „Gaïa“ war die Beobachtung, dass der Planet und der menschliche Körper sich in einem Punkt gleichen: Beide können Geburtsstätte neuen Lebens sein. Das neue Leben kann Hoffnungsträger und zugleich potenziell zerstörerisch sein. Das Spannungsfeld zwischen diesem natürlichen Prozess und seinem invasiven Aspekt interessiert mich dabei besonders.

(@Gwenola Heck, Franziska Kabutke)
Bevor diese Geburtsstätte auf der Leinwand zum Leben erwacht, entsteht sie in vielen einzelnen Arbeitsschritten von Hand. Welche Rolle spielte das Material für die Gestaltung von „Gaïa“? Wie habt ihr entschieden, welche Elemente aus Papier, Pappmaché oder anderen Materialien entstehen und wie sie innerhalb des Körpers als Landschaft funktionieren?
In einer wunderbaren Experimentierphase mit Amelie Kahlo (Art Director) haben wir nach der Technik gesucht, die die Geschichte am besten trägt: Der organische Charakter von Papier und Pappmaché hat am besten funktioniert. Es lässt sich von hinten durchleuchten. Diese Transluzenz hat uns an die Perspektive von Organismen erinnert, die innerhalb des Körpers leben – Wesen, die von innen die Welt von außen hindurchscheinen sehen.

Art Direcor Amelie Kahlo und Regisseurin Gwenola Heck (@Gwenola Heck, Franziska Kabutke)
Die einzelnen Bilder des Films wurden zunächst animiert und anschließend mit einem Lasercutter aus Papier ausgeschnitten. Wie muss man sich diesen Arbeitsprozess konkret vorstellen, und wie verändert eine solche Arbeitsweise die Gestaltung eines Bildes?
Genau, die Handschrift der Animator*innen wurde auf die Lasermaschine übertragen. Digitale Bildsequenzen – von Hand am Tablet gezeichnet – hat der Laser dann präzise auf Papier ausgeschnitten. So konnten wir Formen so exakt auf Papier übertragen, um von der Haptik des Materials zu profierten, das Franziska Kabutke (DOP) toll eingeleuchtet hat. Anschließend wurden die Bilder nach und nach vor der Kamera abfotografiert um wieder die Bildsequenzen / die Animation entstehen zu lassen. Die Arbeit mit dem Laser hat die Gestaltung der Bildgestaltung grundlegend geprägt: Papier ist ein zusammenhängendes Material, keine Leinwand, auf der freischwebende Elemente nebeneinander existieren. Damit ein Bild zusammenhält, mussten sich alle Elemente berühren. Diese technische Notwendigkeit ist schnell zu einem gestalterischen Prinzip geworden: Überall im Bild haben wir Wurzeln, Verästelungen und Verbindungspunkte gestaltet. Außerdem haben wir aus Pappmaché auch größere Sets (Zähne, Magen, Lunge) gebaut in denen wir hineinanimiert haben. Das war nochmal ein anderer Arbeitsprozess.
Der Körper wird in „Gaïa“ zu einer bewohnten Landschaft, in der sich ganz unterschiedliche Dinge wiederfinden, etwa Seilbahnen auf den Zähnen oder Windräder in der Lunge. Wie habt ihr diese Details entwickelt und entschieden, welche Elemente in diese Welt gehören?
Diese Details sind sehr intuitiv entstanden. Ich bin von wuseligen Welten fasziniert, von Städten die Ameisenhaufen gleichen, in denen viele verschiedene Prozesse ablaufen. Maschinelle Elemente, die einen organischen Körper besiedeln sind dabei der Kern der Welt. Windräder sind natürlich ein sehr offensichtliches Symbol für den ökofeministischen Charakter, den die Geschichte innehat. Viele andere pumpende Maschinen sind für mich Sinnbilder eine Hustle-Kultur, von der ich teil bin (besonders während der Entstehung des Films). Ein große Rolle hat die französische Kult-Serie „Les Shadoks” gespielt, in der die Protagonisten ohne erkennbaren Grund immer Arbeiten, immer Pumpen.

Art Director Amelie Kahlo (@Gwenola Heck, Franziska Kabutke)
Neben den ausgeschnittenen Papier-Elementen habt ihr auch Pappmaché-Sets und verschiedene Licht- und In-Camera-Effekte eingesetzt. Wie habt ihr diese unterschiedlichen Techniken miteinander verbunden, und was konnte dadurch im Bild entstehen?
In einer Phase, in der ich mit Franziska Kabutke mit verschiedenen Linsen, Lichteffekten und Kamerarigs experimentieren konnte, haben wir viele tolle Entdeckungen gemacht. Die verschiedenen Papierschichten haben schöne Farbpaletten im Gegenlicht entstehen lassen und durch die Struktur des Pappmachés haben wir schöne Texturen erhalten und die Schnittkanten des Lasercutters haben uns den Effekt an den Kanten der Elemente gegeben, den wir gesucht haben. Es gab auch Aha-Momente: Experimente, die wir am Anfang ohne genaues Ziel gemacht haben, waren später die Lösung für Probleme, vor denen wir standen. Beispielsweise hat ein Teammitglied die Vertigoeffekte gesehen, die wir getestet haben – was die Lösung für die Hülle unserer Pappmaché-Lunge war die wir somit durch die Kamera pulsieren lassen konnten. Das voluminöse Pappmaché selbst zu animieren war nämlich nicht so einfach wie die flachen Papierschichten, die wir bei den Lungenverästelungen hatten.

Art Director Amelie Kahlo (@Gwenola Heck, Franziska Kabutke)
Was war für dich persönlich die besondere Herausforderung daran, eine so detailreiche, physische Welt zu bauen und anschließend zu animieren? Gab es dabei einen Moment, in dem sich die Welt von „Gaïa“ für dich zum ersten Mal wirklich vollständig angefühlt hat?
Ich denke, ich nähre mich stark durch eine visuelle Bibliothek, die mir innewohnt und die ich seit meiner Kindheit mit meinem Großvater erschaffen habe, indem wir an vielen gemeinsamen Skulpturen gearbeitet haben, die Gaïas Welt ähneln. Vollständig hat sich die Welt angefühlt, als ich in ihrer Mitte stand – das Animationsinstitut hat uns die Möglichkeit gegeben nach Beendigung des Films eine Ausstellung mit den Sets zu gestalten. Hier konnten die Besucher die Perspektive der Bewohner Gaïas einnehmen und in den Körper (drappierten Raum) hineintreten.

Regisseurin Gwenola Heck (@Gwenola Heck, Franziska Kabutke)
Autorin: Naomi Zielonka
