Wenn Filme ihre eigenen Grenzen verschieben

Was passiert, wenn ein Dokumentarfilm plötzlich ins Fantastische kippt, persönliche Handyaufnahmen zum Ausgangspunkt eines filmischen Selbstporträts werden oder ein Bluesmusiker seine eigene Geschichte in einer Mischung aus Beobachtung und Inszenierung erzählt? Das 41. Filmfest Osnabrück zeigt in diesem Jahr mehrere Filme, die sich nicht ohne Weiteres einem einzigen Genre zuordnen lassen. Sie verbinden dokumentarische und fiktionale Verfahren, erweitern Beobachtungen um fantastische Elemente oder machen persönliche Archive selbst zum Ausgangspunkt des Erzählens. 

Ein Beispiel dafür ist der diesjährige Eröffnungsfilm „Wiener Blues – The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Im Mittelpunkt steht der Wiener Bluesmusiker Al Cook, der sich gegen die Kommerzialisierung der Bluesmusik, den drohenden Verlust seines Zuhauses und die Einsamkeit behaupten muss. Dabei spielt Cook eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Auch sein Zuhause und sein Kellerstudio werden zu fiktionalisierten Versionen: Sie bestehen aus Cooks Hab und Gut, das für den Film neu angeordnet wurde. Statische Einstellungen und sorgfältig komponierte Details geben den Gegenständen Raum. Im Verlauf des Films wird die Wohnung zusehends leerer und verdeutlicht den Verlust, den der Film thematisiert. Tizza Covi und Rainer Frimmel verbinden reale Elemente mit inszenierten Situationen und Momenten, die eng an Cooks Lebensgeschichte gebunden sind. Auch die zurückhaltende, beobachtende Bildsprache lässt die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen. Im Anschluss an die Filmvorstellung besteht die Möglichkeit, sich mit Regisseurin Tizza Covi auszutauschen, die mit Rainer Frimmel bereits mehrfach für ihre dokumentarischen Arbeiten ausgezeichnet wurde.

„Wiener Blues – The Loneliest Man in Town “,Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel, 2026, ©Vento Film

Eine andere Form der Grenzverschiebung findet sich in „Hiedra“ von Ana Cristina Barragán. Im Zentrum steht Azucena, eine Frau in ihren Dreißigern, die eine besondere Beziehung zu einem Jugendlichen namens Julio entwickelt. Was zunächst wie ein Familiendrama erscheint, wird zunehmend schwerer einzuordnen. Barragán erzählt stark über Bilder und Körper: Blicke, Bewegungen und Berührungen erhalten eine Bedeutung, die über das Gesagte hinausgeht. Die Kamera rückt den Figuren sehr nah, bleibt dicht an Gesichtern und Händen und arbeitet mit einem ausgeprägten Spiel mit Nähe. Durch Improvisation und nicht-professionelle Darsteller*innen entsteht eine unmittelbare, beinahe dokumentarische Wirkung. Gleichzeitig ist diese Nähe präzise inszeniert. Die Beziehung zwischen Azucena und Julio bleibt in ihrer Bedeutung offen. Gerade diese Spannung zwischen genauer Beobachtung und inszenierter Ambivalenz prägt den Film.

Vistas Latinas:„Hiedra“,Regie: Ana Cristina Barragán,2025,©Bendita Film Sales

Noch unmittelbarer verbindet „A Fox Under a Pink Moon“ filmische Formen. Ausgangspunkt ist das über mehrere Jahre entstandene Smartphone-Material der afghanischen Künstlerin Soraya Akhlaghi, die ihr eigenes Leben, ihre Flucht aus dem Iran und ihre Sehnsucht nach ihrer in Österreich lebenden Mutter dokumentierte. Aus diesen Aufnahmen entwickelt Regisseur Mehrdad Oskouei gemeinsam mit Akhlaghi ein persönliches filmisches Selbstporträt. Handyvideos treffen auf Nachrichtenbilder, Zeichnungen, Skulpturen und Animationen. Dabei kehren Motive aus Akhlaghis Kunst immer wieder und geben der dokumentarischen Geschichte eine märchenhafte und zugleich unheimliche Ebene. Der Film verbindet Dokumentation mit surrealen und düsteren Bildwelten und macht die Perspektive seiner Protagonistin selbst zur Grundlage seiner Form.

Frieden: „A Fox under a Pink Moon“, Regie: Mehrdad Oskouei, Soraya Akhlaghi, 2025, ©CAT&Docs

Filmpreis für Kinderrechte: „Fantastique“, Regie: Marjolijn Prins, 2025, ©Filmotor

Auch „Fantastique“ von Marjolijn Prins bewegt sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und Fantastik. Die 14-jährige Fanta lebt in Conakry, Guinea, und trainiert in einem Akrobatik-Zirkus. Sie träumt davon, mit der Amoukanama Company auf Tournee zu gehen, während sie Verantwortung für ihre kranke Mutter und ihre jüngeren Geschwister übernimmt und zur Schule geht. Damit greift der Film zunächst ein vertrautes Motiv des Coming-of-Age-Films auf: eine Jugendliche, die ihren eigenen Weg sucht und für ihren Traum Hindernisse überwinden muss. Gleichzeitig erweitert Prins den Dokumentarfilm um eine Ebene des magischen Realismus. Vor allem die nächtlichen Aufnahmen in kräftigen, schimmernden Blautönen und die Bilder von Wasser und Natur lösen sich von einer rein beobachtenden Darstellung. Die mythologische Figur Mami Wata wird Teil dieser magischen Ebene und schafft einen Raum, in dem Fanta ihren eigenen Wünschen nachgehen kann. So wird aus der dokumentarischen Beobachtung ihres Alltags eine poetische Coming-of-Age-Erzählung.

Filmpreis für Kinderrechte:„Wohin mit mir?“,Regie: Marvin Menné, 2025, ©Marvin Menné, Drop-Out Cinema

Einen anderen Blick auf das Erwachsenwerden wirft „Wohin mit mir?“ von Marvin Menné. Die beiden 17-jährigen Majd und Shahfaisal leben als unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Deutschland. Ihr Alltag besteht nicht nur aus Asylverfahren, Abschiebungsangst und familiärem Druck, sondern ebenso aus Freundschaften, Freizeit und den kleinen Routinen des täglichen Lebens. Der Film interessiert sich für diese Gleichzeitigkeit und erzählt nicht ausschließlich die Geschichte von Flucht und Ankommen. Stattdessen rückt er seine beiden Protagonisten als Jugendliche in den Mittelpunkt, die ihren Platz in einer Gesellschaft suchen, während ihre Zukunft von politischen Entscheidungen abhängt. So verbindet „Wohin mit mir?“ das dokumentarische Porträt mit Elementen einer Coming-of-Age-Erzählung und zeigt, wie politischer Ausnahmezustand und ganz gewöhnlicher Jugendalltag nebeneinander bestehen. 

Was diese Filme verbindet, ist nicht ein bestimmtes Genre, sondern der bewusste Umgang mit seinen Möglichkeiten. Es entstehen Filme, die ihre Themen nicht nur abbilden, sondern auch eine eigene Form dafür finden. Das unabhängige Kino schafft damit Räume für Geschichten, die sich eindeutigen Kategorien entziehen. Es darf dokumentarisch und fiktional, realistisch und fantastisch, persönlich und politisch zugleich sein. Genregrenzen sind dabei keine festen Kategorien, sondern können sich verschieben, verbinden und neu gedacht werden.

 

Autorin: Naomi Zielonka