Wer macht aus Mädchen “Sad Girlz“?

“Chicas tristes”

 

Paula und La Maestra lieben es, in den Himmel zu schauen, dorthin, wo die Flugzeuge abheben. Es ist ihre Art, von einer anderen, besseren Welt zu träumen, in die sie selbst noch nicht fliegen können: Ihre Flügel sind noch nicht gewachsen. Sie glauben, dass irgendwo dort, hinter den Wolken, das wahre Leben beginnt, und dass hier nur eine Probe stattfindet. Sie durchpflügen die Wasseroberfläche des Schwimmbeckens auf der Jagd nach dem einen Traum: dem Sieg bei der panamerikanischen Schwimmmeisterschaft in Brasilien. 

 

Sie tanzen, um zu vergessen, was sie bedrückt. Sie lackieren sich die Nägel, um sich schön und stark zu fühlen. Wenn die Erwachsenen nicht in der Nähe sind, tuscheln sie: Sie reden über Jungs, über Hoffnungen und Ängste, sie bereiten sich auf eine Party vor, auf der sie sich zum ersten Mal frei fühlen werden. 

 

Auf der Party, unter dem zähflüssigen, wie Sirup tropfenden Rhythmus und dem Klirren der Shots, verändert sich die Realität. Paula bleibt mit Daniel allein – dem, dessen Lächeln in ihren heimlichen Träumen blühte wie eine giftige Blume. Sie gehen ins Badezimmer. Und als sie zurückkommen, ist die Welt nicht mehr dieselbe: Sie ist gespalten wie eine Muschel, aus der man die Perle gerissen hat. 

 

La Maestra spürte es, bevor sie es begreift. Paula kam anders zurück. Nicht traurig. Nicht wütend. Leer. Wie ein Schwimmbecken, aus dem man das Wasser abgelassen hat. Sie sagt: „Alles gut.“ Und sie lächelt. Und dieses Lächeln ist schlimmer als jeder Schrei. 

 

La Maestra gab nicht auf. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Sie saß neben dieser Leere und wartete, bis eine Antwort kam. Und die Antwort kam. Worte. Bruchstücke. Geständnisse, die man nicht mit ruhiger Stimme aussprechen kann. Das, was in jenem Badezimmer geschah, hatte keinen Namen. Hatte keine Form. Es war wie Wasser, überall und nirgends. Man konnte es nicht fassen. Aber es ertränkte alles. 

 

Die Freundschaft begann zu sinken. Paula wollte schweigen. La Maestra wollte schreien. Paula wollte verschwinden. La Maestra wollte Rache. Sie zogen einander in verschiedene Richtungen. Angst, Schuld und Wut, drei hungrige Fische, schwimmen in ihrem gemeinsamen Becken und fressen einander auf. Sie suchten Antworten. Wer ist schuld? Und mit jedem Tag begriffen sie: Es gibt keine Antwort. Es gibt nur die Tatsache. Die Vergangenheit ist ertrunken. Leise. 

 

Jetzt müssen sie entscheiden, wer sie füreinander sind. Freundinnen? Zeuginnen? Diejenigen, die das Schweigen teilen? Oder diejenigen, die lernen müssen, neu zu leben. 

 

Sie träumten von Medaillen und Romantik. Und bekamen Narben. 

 

Regisseurin Fernanda Tovar erzählt von besten Freundinnen, die auf unterschiedliche Weise auf Schmerz reagieren. Davon, wie zwei Mädchen, die einander wie ihr eigenes Spiegelbild kannten, in diesem Spiegelbild plötzlich Fremde sehen. Davon, wie weh es tut, jemanden zu lieben, der ertrinkt, und nicht zu wissen, wie man helfen kann. 

 

“Sad Girlz“ ist für den Wettbewerb um den Filmpreis für Kinderrechte nominiert und läuft   am Mittwoch, den 7. Oktober um 20:00 Uhr in der Hasetor. 

 

Dort, wo die Kindheit endet, beginnt der Himmel, in dem man zu fliegen beginnt.

 

Text: Anna Tukova