Zur Geschichte migrantischer Musik in Deutschland

Rhythmisch und lebendig erzählt LIEBE, D-MARK UND TOD die Geschichte der eigenständigen und weitgehend unbekannten Musik der Einwanderer aus der Türkei sowie ihrer Kinder und Enkelkinder in Deutschland. In Form eines Doku-Essays entführt Regisseur Cem Kaya seine Zuschauer in ein schillerndes Uni-versum musikalischer Vielfalt. In einem Kinoerlebnis in höchster Klangqualität macht er die Energie und den Geist jener Jahre erlebbar. So zum Beispiel die Bühnenshows des exzentrischen Folk-DuosDerdiyoklarauf einer Hochzeit mit tausenden Gästen in einer zum Festsaal umdekorierten Mehrzweckhalle irgendwo im Ruhrgebiet: melancholisch, aber tanzbar; politisch, aber fröhlich; larmoyant im Ausdruck, aber aufrichtig.

 

Schon von Anbeginn wurde die Migration nach Deutschland musikalisch begleitet. Arbeiterwohnheime und Teehäuser waren die ersten improvisierten Bühnen für Musiker wie Aşık Metin Türköz, die in der Tradition der Volksdich- tung Zentralasiens improvisierte Songs zum Besten gaben. Diese Amateurmusiker:innen sangen und komponierten Lieder, die ihre Lebensumstände in der Ferne widerspiegelten – mal melancholische, mal fröhlich sarkastische Melodien und Texte über Aufbruch und Abenteuerlust, aber auch über die krude fremde Arbeitswelt und Abweisungen durch die Gastgeber, Entwurzelung und Sehnsucht nach der imaginierten Heimat. Imaginär, weil Zeit und Entfernung ein Heimatbild aus Erinnerungen und Sehnsüchten schufen. Abgekapselt vom Herkunftsland entwickelte sich in Deutschland eine eigene migrantische Musikkultur mit erheblichen Unterschieden zum Musikleben in der Türkei. Nicht nur wurde zu türkischen und kurdischen Klängen erstmals auch auf deutsch gesungen, auch die Spielweisen änderten sich. Dies legte den Grundstein dafür, dass türkische Musik aus Deutschland zu einem eigenen Genre wurde.

 

 

Es entstanden im Stillen neue Musikrichtungen, allen voran die Gurbetçi Lieder (Lieder aus der Fremde). Zwar wurden diese Songs auf Hochzeiten, religiösen Veranstaltungen oder in Gesangsvereinen über Jahrzehnte leidenschaft-lich gesungen, doch wurden sie von der deutschen Kulturindustrie überhört. Selbst die zahlreichen goldenen Schallplatten, mit denen Künstler:innen wie Yüksel Özkasap, die Nachtigall von Köln, prämiert wurden, brachten ihr kaum mediale Aufmerksamkeit. Klassiker migrantischen Liedguts in Deutschland wie Mayestero von Metin Türköz oder des oben erwähnten Folk-Duos Derdiyoklar verkauften sich millionenfach, wurden aber von der deutschen Öffentlichkeit meist als fremdartige Klänge, als eher störend empfunden.

 

 

Als Satellitenfernsehen, Musikkassetten und später auch CDs aufkamen, wurde die Isolation beendet. Die kulturellen Bedürfnisse der Einwanderer wurden nun vom türkischen Markt gestillt. Doch dies war nicht das Ende. Künstler wie Ozan Ata Canani oder Cem Karaca und die Kanaken sprachen die Probleme der Migrant:innen zum ersten Mal komplett in deutscher Sprache an. Man denke an Ozan Ata Cananis wiederentdeckten Song Deutsche Freunde oder Cem Karacas Album Die Kanaken, das bis auf ein Lied ganz auf deutsch eingespielt wurde. Wegen politischer Verfolgung in der Türkei erlebte auch kurdische und alevitische Musik eine Renaissance in Deutschland.

Mit der Erfolgsgeschichte des HipHop kam später der Durchbruch für die zweite und dritte Generation von Musiker:innen, die ihre eigenen Lebenswirklichkei-ten diesmal auf den großen Bühnen ihrer Heimat Deutschland thematisierten. Fresh Familee und King Size Terrorsangen nicht mehr auf Türkisch vom Heim-weh, sondern auf deutsch über Identität und Diskriminierung im eigenen Land. Sie suchten nicht mehr wie ihre Eltern nach der alten Heimat, sondern ihren Platz in ihrem Geburtsland.

 

 

Die musikalische Kultur der Einwanderer ist ein kulturelles Erbe der Bundesrepublik. Der Film LIEBE, D-MARK UND TOD möchte diesen Schatz bergen, einem internationalen Publikum über Deutschland hinaus zugänglich und generationenübergreifend erfahrbar machen.

 

HIPHOP UND JUGENDKULTUR – Die letzte Epoche im Film erzählt von den Geburtsjahren des deutsch-türkischen HipHops der 90er-Jahre, der sich vornehmlich gegen Diskriminierung richtete.

Die politischen Debatten nach der Wiedervereinigung um „Asylmissbrauch“ und Flüchtlingsaufnahme u. a. der Jugoslawienkriege, kreierte eine fremdenfeindliche Stimmung im ganzen Land. „Das Boot ist voll“ war der Leitspruch einer erstarkenden Rechten und sie machte sich bemerkbar. Die fremdenfeindlichen Anschläge zu Beginn der 90er-Jahre, wie der Synagogenbrand in Lübeck, die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die Brandanschläge von Mölln und Solingen versetzten die Einwanderer in Angst und Schrecken – das drückte sich auf ganz eigene Art und Weise in der Musik aus.

 

Es war die Geburtsstunde des deutsch-türkischen HipHops. Türkischer Rap trat zuerst in Deutschland auf, und zwar vor allem unter jugendlichen Migrant:innen. Es begann in den 1980er-Jahren mit multinationalen Gruppen wie Advanced Chemistry oder Islamic Force, die sich mit Afroamerikaner:innen in den USA identifizierten und HipHop als Artikulation einer diskriminierten ethnischen Minderheit empfanden. Fresh Familees Song „Ahmet Gündüz“ gilt als erste in Deutschland gepresste Rap-Produktion in deutscher Sprache. In diesem Stück erzählt der Frontmann der Band Tachiles die Geschichte eines Türken in Deutschland.

 

Fresh Familiee – Ahmet Gündüz

Mein Name ist Ahmet Gündüz.

Lass mich erzählen euch!Du musst schon gut zuhören ich kann nicht sehr viel deutsch!

Ich komm von die Türkei, zwei Jahre her und ich viel gefreut,

doch Leben hier ist schwer.

In Arbeit Chef mir sagen, Kanacke, hey, wie geht’s?

 

Etwa gleichzeitig begannen einzelne deutsch-türkische Rapper:innen türkische Texte zu verwenden. 1991 erschien auf der Debüt-LP der Nürnberger Band King Size Terror der erste türkische Rap Bir Yabancının Hayatı (Das Leben eines Fremden).

Vollkommen unerwartet wurde 1995 die Gruppe Cartel mit türkischen Rappern aus Nürnberg, Kiel und Berlin in der Türkei zu Superstars, die ganze Fußball-stadien füllten.

 

 

„Für alle türkischen Jugendlichen auf der Welt haben wir einen neuen Weg in der Musik gefunden / […] Wir freuen uns. / Doch für die Deutschen verdrecken wir nur ihr Vaterland, /nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg und sind eine Last. / Un-erwartet werden wir erfolgreich. / Die Zeit ist reif, mit der Musik zu rebellieren – denn die Deutschen haben es auf dein Leben abgesehen und beschimpfen dich.“

 

Mitte der 1990er-Jahre, als Satellitenfernsehen und Internet aufkamen, fand die kulturelle Isolation der Türken in Deutschland ein Ende. Die zuvor mehr oder minder parallellaufenden Stränge türkischer Musik in der Türkei und in Deutschland wurden durchlässiger bzw. liefen zusammen.
 

Es entstanden Räume für Interaktionen und Zusammenarbeit. So stieg Ende der 1990er-Jahre Kool Savaş bereits zum deutschen Rapstar auf und HipHop wurde von einer Subkultur zum Mainstream. Der nach wie vor hohe Anteil an Musiker:innen mit Migrationsanteil spielt seither kaum noch eine Rolle. HipHop in Deutschland wird heute dominiert von Musikern wie Haftbefehl, UFO 361, Alpa Gun, Fuatund Eko Fresh. Außerdem sind internationale Ko-operationen mit Rappern aus der Türkei wie Ceza und Ezhel keine Ausnahme mehr. Diese neue Generation von Musiker:innen führt das Erbe in Texten und Melodien weiter.